(Göttingen18.10.07)
Wenige Wochen vor den Friedensverhandlungen starten die sudanesische Armee und kooperierende Milizen große Offensiven gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung, wobei es erneut zu Massakern kommt. Trotz Versprechungen internationaler Politiker, friedensschaffende Maßnahmen zu ergreifen, hat sich die Lage in Darfur weiter verschärft und lässt der betroffenen Bevölkerung kaum Grund zur Hoffnung. Brutale Angriffe auf die Zivilbevölkerung fordern fast täglich dutzende Todesopfer, verletzen Hunderte und treiben Zehntausende in die Flucht. Die katastrophale Sicherheitslage und regelmäßige Überfälle hindern Hilfsorganisationen an der Versorgung von 4,2 Millionen, dringend auf Hilfe angewiesenen Menschen.
Afrikanische Union wehrlos – Sudanesische Armee brennt Stadt nieder
Am 30.September wurden beim bisher schwersten Angriff auf die Afrikanische Union 10 Blauhelme getötet. Die Basis der AU, nahe der kleinen Stadt Haskanita in Süddarfur, war von einer nicht identifizierten, ca.1000 Mann starken Truppe überfallen, überrannt und ausgeraubt worden.
In Folge des Überfalls nahm die sudanesische Armee Haskanita ein und brannte die Stadt bis auf den Grund nieder. Eine Schule und eine Moschee waren die einzigen Gebäude, die verschont wurden. Wassertanks und Behälter wurden durchlöchert, somit wurde jegliche Lebensgrundlage zerstört. Berichten der SLA zufolge war in den Wochen zuvor das Gebiet um Haskanita durch die Luftwaffe der sudanesischen Armee bombardiert worden. 7000 Einwohner der Stadt, sowie Tausende aus den umliegenden Dörfern flohen aus der Stadt.
Auch im Oktober 2007 schwere Menschenrechtsverletzungen durch sudanesische Armee und kooperierende Milizen
Am 8. Oktober, nur wenige Tage nach der Zerstörung Haskanitas, griffen Verbände von Milizen und Regierungsruppen die Stadt Muhajiriya an. Die Opfer des Angriffs waren zum größten Teil Kinder, Frauen und ältere Menschen. SLA – Vertreter sprachen von über 40 Toten. Médecins Sans Frontières, die in Muhajiriya ein Krankenhaus leiteten, zählten mindestens 39 Schwerverletzte und mussten kurz darauf aus Sicherheitsgründen das Personal aus der Stadt evakuieren. Auch die nahe liegende Basis der Afrikanischen Union behandelte mehrere Verwundete. In den darauf folgenden Tagen berichteten SLA-Sprecher, dass Milizen der Janjaweed zusammen mit Soldaten der sudanesischen Armee, umliegende Dörfer der Stadt Muhajiriya niederbrannten.
Am 16. Oktober drangen erste Augenzeugenberichte aus Muhajiriya an die Öffentlichkeit: Uniformierte Männer der Regierungstruppen, zusammen mit dutzenden Milizen-Kämpfer ohne Uniform, umstellten um die Mittagszeit die Stadt und stürmten den Markt. Sie schleiften mehrere Männer aus der Mosche, wo diese sich zum Gebet versammelt hatten, und schlitzten ihnen die Kehle auf. Flüchtende wurden laut Aussagen Überlebender rücksichtslos getötet. Der Jüngste unter ihnen war ein fünfjähriger Junge. Als er wegrannte, schoss man ihm in den Rücken. Mehr als 30 Zivilisten wurden bei dem Überfall getötet.
Die Stadt Muhajiriya war bis zu diesem Zeitpunkt von der SLA-Rebellenfraktion Minni Minnawis kontrolliert worden. Minnawi war der Einzige Rebellenführer, der 2006 das Friedensabkommen (DPA) mit der Regierung des Sudan unterzeichnet hatte und in einem Bündnis mit der Regierung stand. Somit wurde durch diesen Vorfall gleichzeitig das ohnehin brüchige Friedensabkommen angegriffen. Sprecher der SLA drohten mit einer Rückkehr zum Kampf gegen die Regierungstruppen.
Armee und Milizen rüsten auf
Laut Berichten Amnesty Internationals verlegte die Sudanesische Armee in den ersten Oktoberwochen große Truppenkontingente in den Norden Darfurs. Auch Reitermilizen, die sogenannten Janjaweed, zogen letzte Woche zwischen Nyala und Kass ihre Truppen zusammen. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass Angriffe auf Zivilbevölkerung stark zunehmen werden. Hunderttausende Menschen, besonders in Flüchtlingslagern sind Angriffen hilflos ausgeliefert.
Derweilen verzögert Sudans Präsident Al Bashir weiterhin die Stationierung der UN-Hybrid-Truppe und hält somit einen Zustand aufrecht, in dem die „afrikanische“ Bevölkerung ohne Konsequenzen massakriert und vertrieben werden kann.
Humanitäre – und Sicherheitslage
Die Zahl der Vertriebenen in Darfur steigt stetig an. Ihre Versorgung gestaltet sich immer schwieriger. 4,2 Millionen Menschen sind inzwischen auf Hilfe angewiesen. Allein zwischen Januar und September 2007 wurden in Darfur aufgrund anhaltender Kämpfe 265.800 Menschen vertrieben. Während der Regenzeit sind die Flüchtlinge, neben der ständigen Bedrohung durch Armee und Milizen, vermehrt Krankheiten und Seuchen ausgeliefert. Ein großer Teil der Flüchtlinge ist stark unterernährt, viele Menschen, insbesondere Kinder, sterben. Für rund 1 Million Menschen beginnt schon das fünfte Jahr in einem der notdürftig errichteten Flüchtlingslager, wobei eine wesentliche Verbesserung der Situation nicht in Sicht ist. Die Stimmung in vielen Flüchtlingslagern ist sehr angespannt, in manchen Lagern formierten sich bewaffnete Gruppierungen, was in manchen Lagern alle NGOs zum Verlassen des Lagers zwang.
Zu vielen Flüchtlingslagern und großen Gebieten Darfurs haben Hilfsorganisationen nur begrenzten Zugang. Ungefähr 60-70 Prozent der auf Hilfe angewiesenen können aufgrund der katastrophalen Sicherheitslage nur teilweise oder überhaupt nicht versorgt werden. Hilfsorganisationen sind neben Repressionen durch Polizei und Behörden zunehmend Angriffen von Banditen, Milizen und Rebellenfraktionen ausgesetzt. Zwischen Januar und September 2007 wurden 98 Fahrzeuge von Hilfsorganisationen entführt, 61 Hilfskonvois überfallen und ausgeraubt, 50 humanitäre Helfer verhaftet , 66 körperlich oder sexuell misshandelt, 105 Entführt, und 5 Mitarbeiter getötet. Ende September wurden bei einem weiteren Überfall auf einen Hilfskonvoi von World Vision 8 Mitarbeiter verletzt, 2 davon durch einen Kopfschuss. Am 12. und 16. Oktober, wurden 3 LKW-Fahrer der Welthungerhilfe erschossen. In der zweiten Oktoberwoche wurden in Nyala, der Hauptstadt Süddarfurs, aufgrund eines drohenden Angriffes durch Milizen, alle nicht dringendst benötigten Mitarbeiter von NGOs angewiesen, die Stadt zu verlassen. Unter diesen Umständen droht die Versorgung von 4 Millionen Menschen zu kollabieren.